Um die ├ťberschrift zu kl├Ąren: ein Brevet ist eine Langstrecken-Radfahrt, die in einem bestimmten Zeitlimit (h├Ąngt von der Distanz ab) zu absolvieren ist. Die Randonneur Community veranstaltet regelm├Ą├čig Events um solche Brevets zu fahren. Da mein Alltag zu dynamisch (nettes Wort f├╝r chaotisch) ist, um mich an ein festes Datum zu binden, habe ich mir gedacht, dass ich mir das auch selber organisieren kann. Gesagt, getan.

Urspr├╝nglich wollte ich vom Kraichgau nach Konstanz zum Bodensee fahren. Das w├Ąre mit knapp 300km der n├Ąchste logische Schritt nach den 285km im April gewesen. Aber meistens kommt es anders als man denkt. ;) Knapp 1 Woche vor Abfahrt schreibt mich mein sehr guter Freund Flo an und meint, dass es spontan aus Japan in unser altes Heimatdorf Gestorf (s├╝dlich von Hannover) zu Besuch kommt und fragt ob ich ihn dort besuchen will. So wurden aus den 300km halt 440km, ein Tag l├Ąnger in Norddeutschland plus ein Kurzbesuch bei meiner Mutter in Hannover. An dieser Stelle nat├╝rlich noch mal vielen Dank an meine Frau und Kinder, die so flexibel waren, mich einen Tag mehr fahren zu lassen.

Vorbereitung

Tja, wirklich viel vorbereitet habe ich ich nicht. Also zB habe ich nicht explizit f├╝r so eine Fahrt trainiert. Mein Alltagstraining besteht aus 2-3 Laufeinheiten pro Woche mit jeweils 10km bis 17km und vielen k├╝rzeren Radfahrten f├╝r t├Ągliche Besorgungen. An den Wochenenden fahre ich Tagestouren zwischen 50km und 150km. Eine gute Basis also. :)

Als klar war, wohin ich fahren w├╝rde, habe ich kurz dar├╝ber nachgedacht, den R4 von Hirschhorn nach Bad Karlshafen zu fahren und dann weiter ├╝ber den sehr sch├Ânen Weserradweg. Damit w├Ąren allerdings aus den 440 schnell ├╝ber 500 geworden. Ich hatte zwar keine Zweifel, dass auch das irgendwie machbar w├Ąre, aber ich war mit Flo zum Fr├╝hst├╝cken verabredet und mit ├╝ber 500km w├Ąre ich halt erst zum Mittagessen angekommen. Also hab ich einfach in Komoot Start und Ziel mit dem Profil “Radtour” eingegeben. Sicherlich nicht das Optimum, aber ich hatte weder gro├č Zeit noch Lust an der Route zu feilen.

Ausr├╝stung

Am Tag vor der Abfahrt habe ich meine Rahmentasche und die Lenkerrolle bepackt und ans Rad geschnallt. Spa├česhalber hab ich das Rad mal gewogen: Mit vollst├Ąndigem Gep├Ąck aber ohne Wasser und Essen hatte es knapp 13,5kg. Wasserflaschen waren dann noch mal 1,7kg und Essen 1kg. Insgesamt also so schwer wie mein Tourenrad ohne Gep├Ąck. ;-D

Da klar war, dass ich ├╝ber Nacht fahren w├╝rde, hatte ich zwei Dinge speziell daf├╝r im Gep├Ąck. Eine Lupine SL AF 7 f├╝r genug Licht und Koffeintabletten f├╝r genug wach. F├╝r Licht nach hinten gab es noch das Lupine Rotlicht Max. Das hab ich aber inzwischen bei jeder Fahrt dabei und meistens auch angeschaltet.

F├╝r die Navigation und Aufzeichnung hatte meinen Wahoo Elemnt Bolt V2 dabei. Der hat gut, aber nicht perfekt funktioniert. Gleich die Abfahrt hat sich um diverse Minuten versp├Ątet, weil ich wie sonst auch, an der Haust├╝r den Track auf das Ger├Ąt laden wollte. Bei 100km Tracks geht das halt relativ locker und zuverl├Ąssig. Mit dem 440km Track ist er beim ersten Versuch einfach h├Ąngen geblieben und erst nach diversen Versuchen und kompletten Neustarts hat’s irgendwann geklappt. Unterwegs hat er auch so um die 200km vor Ziel behauptet ich w├Ąre schon da. Der Track war dann nicht mehr verwendbar. Da hab ich dann noch mal einen neuen Track nach dem selben Pattern erzeugt. Der war dann auch entsprechend k├╝rzer und handlicher f├╝r den Wahoo. ;)

Und ein wirklich wichtiges Ausr├╝stungteil, das ich erst kurz vor Abfahrt montiert hatte, war die Klingel. Denn ich bin ja an Himmelfahrt gefahren. Neben den zu erwartenden betrunkenen Bollerwagen-Typen waren halt unglaublich viele Ausflugs-Radler unterwegs. Selbst mit ihren E-Bikes viel langsamer als ich und meist irgendwie im Weg.

Die Fahrt

Die Fahrt war alles in allem recht ereignislos. Also sch├Ân, manchmal anstrengend und am Ende nass und kalt. Ich habe brav auf die Essen- und Trinken Alarme vom Wahoo geh├Ârt. Also alle 30 Min einen guten Schluck aus der Flasche und einmal die Stunde was futtern. Abends gegen 18 Uhr hab ich in Marburg ein gro├čes Eis und eine Pizza gegessen und etwas l├Ąnger Pause gemacht.

Der Geist

Meiner Meinung nach ist die Psyche auf solchen Fahrten ein sehr wichtiger Faktor. Wenn man sich Berichte von erfahrenen Langstrecken-Fahrerinnen anschaut oder durchliest, empfehlen die oft, dass man sich nicht an der kompletten Strecke konzentriert sondern sich immer an Punkten orientiert, die relativ nah sind. Also immer die n├Ąchste Kleinstadt zum Beispiel. Ich hab’s vor allem in der zweiten H├Ąlfte so gemacht, dass ich mich an 24h Tankstellen orientiert habe. Da gab’s halt Kaffe und Schoki.

Nach knapp 150km hat sich bei mir eine tiefe mentale Entspannung bemerkbar gemacht. Treten, Aussicht genie├čen und N├Ąhrstoffversorgung im Blick behalten. Das war alles, worum ich mich k├╝mmern musste. So ab 250km - also abends - hab ich tats├Ąchlich meine Familie vermisst. Denn bei meinen sonst ├╝blichen langen Tagestouren ist das der Zeitpunkt, an dem ich sonst wieder zuhause bin. Irgendwann verging das aber wieder und ich konzentriete mich wieder auf die Fahrt bzw. auf nichts. ;-D

Sp├Ąter am Abend schrieb mir Boris, dass es im Norden regnen w├╝rde. Ein Blick auf die Wetter App best├Ątigte das. Hatte ich das bei der Vorbereitung komplett ausgeblendet? Hatte sich das Wetter so schnell ge├Ąndert? Nat├╝rlich hatte ich keine wasserdichten Klamotten dabei. Und dann fing es auch schon an zu tr├Âpfeln. Ab da war mir klar, dass die Nacht ├Ąu├čerst ungem├╝tlich werden w├╝rde. Ein ungutes Gef├╝hl gemischt mit der Aussicht, dass das ganze unvermeidbar war. Am Ende war es nat├╝rlich wieder der selbe Grind: einfach. immer. weitertreten.

Der K├Ârper

So auf den ersten 150 km hab ich im Prinzip gar nichts gemerkt. Nach Frankfurt kamen die ersten H├╝gel und ich hab ein bisschen was in den Oberschenkeln gesp├╝rt. Auf den folgenden 100km kamen diverse Schmerzen: H├Ąnde, R├╝cken, Nacken.. Hab mir abergesagt, dass aufgeben keine Option ist. ;) Irgendwann war dann alles wieder weg. Sp├Ąter, als der Regen anfing, war ich ziemlich schnell ziemlich nass. Ich hab gefroren wie Sau und war froh um das wellige Profil. So konnte ich mich auf den Anstigen warm fahren. Als es wieder hell wurde, hab ich gemerkt, dass linke Hand und linker Fu├č komplett taub waren. War es die K├Ąlte oder war es die ungewohnte Belastung? Egal, ich konnte noch treten. ;-D

Fazit

Es war die extremste Tour meines bisherigen Radler-Lebens. Es ging ├╝berraschend leicht und ich hab Blut geleckt. Mal schauen, was da in Zukunft noch so kommt. =)